Notenschlüssel Schweiz: Die Vier liegt bei 60 Prozent, faktisch bei 55
Notenschlüssel Schweiz: Die Formel Note = 1 + 5 × Punkte/Max setzt die Vier auf 60 Prozent. Wer auf halbe Noten rundet, verschiebt sie auf 55.

Felix Schneider
Lehrkraft für Physik und Chemie
Über 20 Jahre Unterrichtserfahrung an Gymnasium und Berufskolleg. Er schreibt zu Notenschlüsseln, Benotung und Zeugnisnoten — aus der täglichen Korrekturpraxis, nicht aus dem Lehrbuch.
Eine Zwei ist in der Schweiz eine schlechte Nachricht. Das weiß man schnell. Weniger bekannt ist, dass die Zwei dort dasselbe bedeutet wie die Drei und die Eins — und dass die vielzitierte Bestehensgrenze von 60 Prozent in der Praxis meist gar nicht bei 60 Prozent liegt.
Drei Noten mit derselben Aussage
Die Skala reicht von 6 (beste) bis 1 (schlechteste), die 4 gilt als genügend. Wie die Stufen gemeint sind, zeigt ein kantonales Reglement im Wortlaut (Thurgau, Beurteilungsreglement § 12):
Note 6 heißt „Lernziele sehr gut erreicht“, Note 5 „Lernziele gut erreicht“, Note 4 „Lernziele erreicht“. Und dann dreimal derselbe Satz: Note 3, Note 2 und Note 1 lauten alle „Lernziele nicht erreicht“, unterschieden nur durch die Zusätze nicht genügend, schwach und sehr schwach.
Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern der Bauplan der Skala. Die obere Hälfte beschreibt Grade der Zielerreichung, die untere Hälfte dreimal dasselbe Urteil. Wer eine Zwei mit einer deutschen Zwei vergleicht, vergleicht eine Feststellung des Nichterreichens mit einer guten Leistung.
Dasselbe Reglement hält fest, dass ganze und halbe Noten gesetzt werden und weitere Unterteilungen nicht erlaubt sind — ein Detail, das gleich noch wichtig wird.
Eine Formel statt einer Tabelle
Der zweite Strukturunterschied: Wo Deutschland mit Prozentbändern arbeitet, rechnet die Schweiz üblicherweise mit einer Geradengleichung.
Note = 1 + 5 × (erreichte Punkte ÷ maximale Punkte)
Null Punkte ergeben eine 1,0, die volle Punktzahl eine 6,0. Dazwischen steigt die Note gleichmäßig: Je 20 Prozentpunkte entspricht genau einer Notenstufe. Daraus folgt die bekannte Grenze — setzt man Note 4 ein, ergibt sich 4 = 1 + 5x, also x = 0,6 und damit 60 Prozent.
Anders als eine Bandtabelle kennt diese Formel keine Stufen. Jeder einzelne Punkt verändert die Note, und es gibt keine Bereiche unterschiedlicher Breite, wie sie der Ratgeber zum Notenschlüssel mit Knick für den deutschen Schlüssel beschreibt.
<<QUELLE PRÜFEN: Die Formel ist in zahlreichen Schweizer Rechnerangeboten als Standard beschrieben, ich habe sie aber in keinem kantonalen Reglement im Wortlaut gefunden. Vor Veröffentlichung entweder eine kantonale Fundstelle ergänzen oder ausdrücklich als Konvention kennzeichnen>>
Wer auf halbe Noten rundet, besteht ab 55 Prozent
Jetzt kommen die beiden Befunde zusammen. Wenn im Zeugnis nur ganze und halbe Noten zulässig sind, muss das Ergebnis der Formel gerundet werden. Und beim kaufmännischen Runden auf halbe Noten wird 3,75 zu 4,0.
Setzt man 3,75 in die Formel ein, ergibt sich 3,75 = 1 + 5x, also x = 0,55. Wer auf halbe Noten rundet, hat die Prüfung damit bereits ab 55 Prozent bestanden — nicht ab 60.
Das ist ein praktisch bedeutsamer Unterschied und er wird oft missverstanden. Man liest häufig, manche Lehrpersonen setzten die Vier bei 55 Prozent an, um milder zu bewerten. Wer auf halbe Noten rundet, tut das aber gar nicht zusätzlich: Die 55 Prozent sind bereits das Ergebnis der Rundung. Wer die Grenze bewusst auf 55 Prozent legt und anschließend rundet, verschiebt sie auf rund 50 Prozent.
Bei Viertelnoten liegt die faktische Grenze übrigens bei 57,5 Prozent, weil dann erst ab 3,875 aufgerundet wird.
Gerundet wird nach Ermessen, nicht nach Vorschrift
Wie gerundet wird, ist bemerkenswerterweise nicht durchgehend geregelt. Der Kanton Zug hält für seine Volksschule ausdrücklich fest, dass es im kantonalen Recht keine gesetzlichen Vorschriften für das Auf- oder Abrunden von Noten gibt und das Runden immer ein Ermessensentscheid ist. Verlangt wird stattdessen zweierlei: die Gleichbehandlung aller Schülerinnen und Schüler, und einheitliche Lösungen innerhalb eines Schulhauses (Kanton Zug, Grundlagen für das Runden von Noten, PDF).
Das ist genau die Konstruktion, die auch der Ratgeber zum Fachkonferenzbeschluss für deutsche Schulen beschreibt: Geregelt wird nicht die Zahl, sondern das Verfahren und die Einheitlichkeit.
<<QUELLE PRÜFEN: Die Aussage zum Rundungsermessen stammt aus einem Dokument des Kantons Zug von 2013 und gilt zunächst nur dort. Vor einer schweizweiten Aussage mindestens drei weitere Kantone prüfen>>
Schweizer und deutsche Noten umrechnen
Über die Ziffer geht das nicht, denn die Skalen laufen gegenläufig. Die folgende Zuordnung stützt sich auf die Funktion der Note, nicht auf ihren Zahlenwert:
| Schweiz | Bedeutung | Deutschland |
|---|---|---|
| 6 | sehr gut | 1 |
| 5,5 | gut bis sehr gut | 1–2 |
| 5 | gut | 2 |
| 4,5 | befriedigend bis gut | 3 |
| 4 | genügend | 4 |
| 3,5 und tiefer | Lernziele nicht erreicht | 5 oder 6 |
Zwei Fallstricke stecken darin. Erstens kippt die Richtung: Eine Schweizer 2 ist keine deutsche 2, sondern liegt tief im ungenügenden Bereich. Zweitens fällt die untere Hälfte auch hier zusammen — aus einer Schweizer 2,5 lässt sich nicht ableiten, ob eine deutsche 5 oder 6 gemeint wäre. Dieselbe Unschärfe tritt bei der österreichischen Skala auf, dort allerdings aus dem umgekehrten Grund: Österreich hat nur eine negative Stufe, die Schweiz drei mit identischer Aussage.
Wie streng die drei Systeme wirklich sind
Rechnet man die Bestehensgrenzen in Prozent der erreichbaren Punkte um, ergibt sich ein deutliches Gefälle. An deutschen Schulen beginnt die Vier üblicherweise bei 40 Prozent, womit 40 Prozent der Skala nicht bestanden sind. In Österreich verlangt ein Genügend mehr als die Hälfte, und zwar in jedem wesentlichen Bereich. In der Schweiz sind es rechnerisch 60 Prozent, nach Rundung 55.
Die Schweiz ist damit in Prozentpunkten gemessen das strengste der drei Systeme — allerdings mit einer Einschränkung: Erwartet wird dort vielfach eine Verteilung um einen Mittelwert von etwa 4,5, sodass sehr tiefe Noten in der Praxis selten vergeben werden. Die Prozentgrenze allein sagt also wenig über die tatsächliche Notenverteilung.
Wichtiger als der Vergleich ist ein Befund, der für alle drei Länder gilt: Das Recht definiert die Noten inhaltlich, über Lernzielerreichung oder Anforderungserfüllung. Die Prozentzahl ist überall eine nachgeschobene Übersetzung und nirgends die Vorschrift selbst — für Deutschland ausgeführt im Ratgeber zum verbindlichen Notenschlüssel, für die Herkunft der Zahlen unter Note 4 ab wie viel Prozent.
Eine Punktetabelle für eine konkrete Maximalpunktzahl erzeugen Sie im Generator für Lehrkräfte; die Rundungsregel müssen Sie dabei selbst festlegen.
<<LEHRER_EINSCHUB: Ob an Ihrer Schule einheitlich gerundet wird und ab welchem Prozentwert die Vier bei Ihnen tatsächlich beginnt, wenn man die Rundung mitrechnet>>
Quellen
- Kanton Thurgau, Beurteilungsreglement 411.115 § 12 (PDF) — Notenskala mit Lernzielformulierungen, nur ganze und halbe Noten
- Kanton Zug, Grundlagen für das Runden von Noten (PDF) — Runden als Ermessensentscheid, Gleichbehandlung, Einheitlichkeit im Schulhaus
Stand: 20. Oktober 2026. Orientierungshilfe, keine Rechtsberatung.
Häufig gestellte Fragen
Stand: 20. Oktober 2026. Orientierungshilfe, keine Rechtsberatung.